„Standbilder“ - Zu den Arbeiten von Bernd Zöllner
In den alltäglichen Handlungen versteckt sich eine eigenartige Magie. Die Wiederholung einer Tätigkeit erscheint wie ein Ritual, welches sich im Laufe der Zeit zu einer unverwechselbar authentischen Handlung entwickelt. So ist das Ausziehen eines Pullovers immer auch ein individueller Akt mit einer eigenen Ästhetik. Und je profaner die Handlung ist, umso eindringlicher erzählt sie über das Wesen der handelnden Person. Bernd Zöllner beobachtet mit seiner Kamera alltägliche Tätigkeiten wie ein Detektiv. Sein Blick erfasst den Moment gerade dann, wenn scheinbar nichts Spektakuläres geschieht. Dabei ist jede Fotografie wie eine Aufnahme von einzelnen Spuren, die aneinandergereiht eine Kette von Indizien ergeben. Aus einer Anreihung von „Küchenszenen“ wird eine Geschichte, die aber im Gegensatz zu einem logisch aufgebauten Handlungsablauf immer etwas Fragmentarisches behält. Jede Momentaufnahme steht für sich, aber entwickelt in der Wechselwirkung zu weiteren Momentaufnahmen erst seine tatsächliche Dramaturgie. In einer zeitlich und räumlichen Kohärenz der Fotografien zeigt Zöllner ein sensibles Gespür für die Aussage des Augenblickes. Das scheinbar Banale wird plötzlich wichtig und erhaben. In dieser Vernetzung der Augenblicke wird die Wirklichkeit unverwechselbar und einmalig. „Was ist eigentlich Aura?“ fragt Walter Benjamin. „Ein sonderbares Gespinst“ erklärt er anschließend, „ von Raum und Zeit: einmalige Erscheinungen einer Ferne, so nah sie sein mag.“ (Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduktion)
Die Fotografien von Bernd Zöllner besitzen etwas von dieser Aura, einer einmaligen Erscheinung, welche sich trotz der Reproduktion von alltäglichen Handlungsabläufen immer wieder neu erleben lässt. Seine Momentaufnahmen sind so nah wie fern, uns so bekannt und doch so rätselhaft und fremd. Bernd Zöllner macht den Betrachter aufmerksam, zwischen den einzelnen Szenen und Handlungen sehen zu lernen. Er verweist auf die Eigenart der alltäglichen Vorgänge und eröffnet uns eine Reihe von Anschauungen und Fragen. Seine Standbilder gewähren dem Betrachter einen Einblick in die unbewusste und normalerweise ungesehen gebliebene Gestik und Gebärde einer gewohnten Handlung. Warum Männer sich grundlegend anders Entkleiden als Frauen wird uns spätestens beim Vergleich seiner „ Pullover Portraits“ deutlich. In seinen oft als Reihung fotografierten Werkzyklen zeigt sich eine komplexe Bildstruktur. Trotz eines klaren Bildaufbaus und einer reduzierten Farbigkeit vermitteln seine Bilder eine starke Sensibilität für Nuancierungen. Feine Grauabstufungen stehen harten Hell-Dunkel-Kontrasten gegenüber. Die Räumlichkeit seiner Fotografien wird ständig von einer flächigen Wirkung unterbrochen. Dadurch bekommen die Bilder eine eigenartige Ambivalenz. Seine Fotografien sind „Standbilder“, die im Augenblick der Betrachtung sich in Bewegung setzen. Sie wirken wie kurze Inszenierungen, die sich erst mit der Zeit als vielschichtige Gestaltungsabläufe herausstellen. Ein Text von Thomas Egelkamp